“Ich bin Tatjana”

Tatjana Vassiljeva mit Bozner Schülern: Hier mit euch zu sein, werde ich nie vergessen.

Die Russin Tatjana Vassiljeva, von der Musikwelt zur neuen „Diva des Cellos” ernannt, ist ein Weltstar. Vor ihrem Konzert am Freitag in der Eurac traf sie sich mit Bozner Schülern zu einem konzertanten Plausch. Und bezauberte sie mit ihrer Natürlichkeit.

Heinrich Schwazer

Aus Novosibirsk kommt sie kommt, dort, wo es dieser Tage minus 54 Grad hat. Die sprichwörtliche sibirische Kälte eben. Kein Wunder, dass sie froh ist, in Bozen zu sein.

„Guten Morgen, ich bin Tatjana” begrüßt Tatjana Vassiljeva von der Bühne des Eurac-Auditoriums herab die 180 Bozner Schüler, die das Vergnügen haben, einem richtigen Weltstar einmal ganz nahe zu kommen und ihn nachher mit Fragen zu bombardieren.

Gut, die russische Cellistin ist nicht Justin Bieber, bei dem zumindest die Mädchen wahrscheinlich in kollektives Kreischen verfallen würden, aber das Eis ist mit dieser jovialen Begrüßung gebrochen. Da steht kein Wesen aus einer anderen Sphäre vor ihnen. Ein bisschen Vorwissen haben die Grund-, Mittel- und Oberschüler bereits mitgebracht, aber wie ist sie, diese junge Russin, die von der Fachwelt zur neuen „Diva des Cellos”getauft wurde, was ist ihr Geheimnis? Sie muss es doch mitgebracht haben, in diesem roten Cellokoffer, der wie verwachsen mit ihr auf der Bühne steht.

Tatjana Vassiljeva: „Ein Cello ist wie eine menschliche Stimme. Man kann mit ihm reden.”

Ich bin Tatjana

Unkonventionell,  locker schafft es Tatjana Vassiljeva in exzellentem Deutsch mit nur leicht russischem Akzent die jungen Zuhörer in eine spannende Geschichte zu verwickeln. „Dieses Instrument heißt Cello” beginnt sie und erzählt  aus der Geschichte des Cello-Baus: Dass die besten Cellos in Italien gebaut werden, dass ein wertvolles altes Cello bis zu 20 Millionen kostet, dass die Franzosen die besten Bogenbauer seien und die Bespannung meist mit Haaren von mongolischen Pferden erfolge. Dann spielt sie ein Stück eines russischen Komponisten ohne Bogen.

Mit  gewohnten konzertanten Maßstäben ist diese Begegnung nicht zu messen. Der Dresscode-Stress ist aufgehoben, Jeans, Kapuzen, Turnschuhe dominieren in den Stuhlreihen, doch wer dem Vorurteil frönt, dass die Jugend nur mehr vor Bildschirmen konzentriert sitzen kann, erlebt das maximale Gegenteil. Die meisten genießen die von Vassiljeva vorgetragenen Auszüge aus Bachs Präludium und Zoltán Kodalys Sonate für Violoncello still und konzentriert. Manche schließen sogar die Augen, danach gibt es jedes Mal tosenden Applaus und am Schluss sogar getrampelten Beifall.

Eingefädelt hat die Begegnung der künstlerische Leiter des Bozner Konzertvereins Josef Lanz. Seit einem Jahr geht der Konzertverein verstärkt in die Schulen, Kindern, aus welchem Elternhaus sie auch stammten, solle der Zugang zur Musikkultur ermöglicht werden. „Es kommt darauf an, dass die Kinder frühzeitig in Kontakt mit klassischer Musik kommen. Am besten funktioniert das über Begegnung mit den Künstlern.”

Wie wahr das ist, konnte man erleben, als die Kinder Fragen stellen durften. Wie sie die deutsche Sprache gelernt habe, wollte ein Mädchen wissen? Indem ich Bücher gelesen, Fernsehen geschaut und mit den Leuten geredet habe, antwortete Tatjana. Französisch und Englisch habe sie sich selbst beigebracht, im Moment lerne sie Japanisch, weil sie sehr viel in Japan auftrete. „Es ist mein Hobby, die Leute zu verstehen” sagt sie.

„Haben sie schon einmal selbst ein Lied erfunden?” wollte ein anderes Mädchen erfahren. Nein, sie könne nur nachspielen, was andere komponiert haben. „Haben sie Freizeit?” will ein Bub gerne wissen: „Ja, zum Beispiel jetzt”, antwortet Tatjana und gleich folgt die nächste Frage: „Was war ihr schönstes Konzerterlebnis?” „Im Wiener Konzerthaus, aber auch hier mit euch zu sein, werde ich nie vergessen”, lautet die Antwort.

Fragen über Fragen prasseln auf sie herein, die Lehrerinnen kommen gar nicht mit, so viele fragende  Hände schießen nach oben. Ob sie nervös sei auf der Bühne? „Ja, aber ein bisschen nervös ist schön”. Die Frage, wie viele Stunden sie täglich übe, darf natürlich nicht fehlen: „Sechs Stunden, also wenig”, sagt sie. Als Kinde habe sie täglich bis zu 9 Stunden geübt. Ob sie einen Traum habe, will ein Mädchen wissen? „Vor 10 Jahren träumte ich davon, in großen Konzertsälen spielen zu können. Jetzt lebe ich diesen Traum.” Was gefällt ihnen am Cello, fragt ein Bub? „Es ist wie eine menschliche Stimme”, sagt sie, „mit einem Cello kann man reden.”

So viele Fragen, so wenig Zeit. Obwohl noch zahllose Hände oben sind, müssen die Lehrerinnen den konzertanten Plausch mit der Cellistin abbrechen. Unter lautstarkem Protest der Schüler.

Ein Stück geht sich noch aus. Tatjana Vassiljeva spielt eine Passage aus Zoltán Kodalys Sonate für Violoncello. Mucksmäuschen still ist es. Danach aufbrausender Applaus, Bravorufe. Als stünde Justin Bieber auf der Bühne.

Heinrich Schwazer – Tageszeitung, 21. Januar 2013

http://www.tageszeitung.it


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